Odyssee

der Träume

Roman

(Leseprobe)

 

 

 

- 1 -

Österreich beginnt nach dem Ausgang

  

 

 

„Setzen Sie sich ordentlich hin!“

   „Wie bitte?“

   „Sie haben mich genau verstanden. Entweder Sie setzen sich ordentlich hin, oder Sie verlassen mein Lokal. Jeglicher Austausch von Zärtlichkeit ist in meinem Betrieb verboten.“

   „Sie wollen mir allen Ernstes verbieten, den Arm um meine Frau zu legen?“

   „Ich dulde in meinem Restaurant keine Sexualität. Halten Sie sich an meine Regeln oder verschwinden Sie!“

   „Sie wissen schon, dass wir in Österreich sind und dies ein freies Land ist …“

   „Österreich beginnt nach dem Ausgang. Und nun raus!“

 

Mia stand – wie üblich – in sicherer Entfernung an der Bar. Ihr Kopf hämmerte. Wie dunkelgraue Regenwolken kumulierten sich die wieder und wieder erlebten Vorkommnisse. Bis sie sich in heftigem Donnergrollen entluden. Der maximal Vierzigjährige war so abrupt aufgestanden, dass der kleine quadratische Tisch rumpelnd zur Seite wich. Seine adrette Begleitung hatte die Augen aufgerissen, als liefe Godzilla mit weit ausgestreckten Armen auf sie zu. Mia fühlte sich in einer Endlosschleife. Wartete auf das wütend herausgewürgte Scheiß Ausländer! des Gastes, das Milan als Startzeichen erkannte, um in Aktion zu treten. Sich den Kameras an der Decke und in den Bilderrahmen an den Wänden bewusst. Diese Tatsache gebot, den renitenten Übeltäter nur sanft am Arm zu halten und ihn mit ungerührtem Nachdruck nach draußen zu befördern. Sollte der Kunde oder dessen Anhang Widerstand zeigen, würde er sich geschickt so positionieren, dass seine Hände auf keiner Kameraeinstellung zu sehen wären. Nach sieben Jahren in diesem Geschäft wusste er genau, wie er selbst nach einer gebrochenen Nase des Gastes vor Gericht gut dastand. Es gab kein soziales Netzwerk im Internet und keine Lokalzeitung, in der das Allegria nicht schon negativ erwähnt worden wäre. In Zeitungen gezwungen sachlich, auf Internetseiten diverser Gruppierungen ehrlich emotional.

   „Ein normaler Mensch würde sich schämen und auswandern“, pflegte Kevin zu sagen.

Aber Milan empfand jede Erwähnung, auch wenn sie noch so vor Negativität triefte, als Publicity. Wie sie es hasste! Manchmal war sie uneins mit sich, wen sie mehr verachtete. Milan für seine grenzenlose Arroganz, diese menschenverachtende Selbstherrlichkeit – oder Lena, die zwar am Papier Restaurantleiterin war, aber sobald Milan das Bedürfnis überkam, seine kranken Launen zu versprühen, dastand, als wäre sie plötzlich unfähig zu sprechen. Lena setzte ihr legendäres Ich kann nichts machen, bin nur ein winziges Rädchen in diesem Mikrokosmos-Gesicht auf und rang sich ein verkrampftes Lächeln ab. In einem Akt der komödiantischen Zurschaustellung ihrer groben Zähne. Mit einer an lasziven Handbewegung strich sie eine nicht vorhandene Haarsträhne ihrer blauschwarz gefärbten Kurzhaarfrisur aus dem exzessiv geschminkten Gesicht und suchte mit eingerastetem Lächeln die schwarze, glänzende Granitplatte nach einer Beschäftigung ab. Erlöst griff sie nach dem gelben Lappen am Waschbecken und führte ihn routiniert in sanften Kreisen über den gesamten Barbereich. Als verdoppelte sich der Glanz der steinernen Platte durch zwanghaftes Wischen. 

   Er war überzeugt, als einziger in der Stadt, wenn nicht im ganzen Land, eine derart perfekt gemaserte und verarbeitete Baroberfläche zu besitzen und hatte sich selbst zum Experten in Sachen Granit und Marmor gekürt. Mindestens weltweit. Entgegen den Handwerkern, angeblich Jugendfreunde, die seine bautechnischen Pläne, meist ohne Rechnung, umsetzten. Ob er sie für loyal hielt, war ein höchst irrelevanter Faktor. Für Kaffee und Cola waren sie gerne bereit, so manche Geheimnisse preiszugeben. Mia und Kevin sogen alle Einzelheiten lechzend auf wie den letzten Rest der Erdbeermilch im Glas. Den Namen des kleinen Dorfs weit im Süden von Kabul, in dem Milan das Licht seiner armseligen Welt erblickte, konnte sich keine der beiden Servicekräfte merken. Aber alle wissenswerten Details des kargen Lebens eines jungen Kleinkriminellen hatten sich in ihre Köpfe gemeißelt. Hasan, der afghanische Fliesenleger bekräftigte schwörend die absolute Vertrauenswürdigkeit seiner Aussagen. Wild gestikulierend erzählte er von Milans Flucht über die Berge nach Pakistan. Ob er erst dort das gestohlene Heroin seiner religiösen Gesinnungsgenossen versilberte, um nach Indien zu kommen, oder sich mit den geraubten Drogen schon in Afghanistan Fluchthilfe erkaufte, tat der horrenden Geschichte keinen Abbruch. Genauso wenig wie die kleine Lücke in seiner Biografie, die über das Datum seiner Namensänderung Spekulationen zuließ, mit Sicherheit aber an den Verlust seines Vollbarts gekoppelt war. Der Stempel des religiösen Fundis mit kriminellen Tendenzen war aufgedrückt. Wasserfest. Oder wie Hasan es, in Anbetracht seiner Optik belustigendem Schweizerdeutsch treffend ausdrückte: „Bei Taliban die Turban auf die Kopf, bei Milan in die Kopf geblieben.“

   Wie er Helga, die reizlose, dick bebrillte, pummelige österreichische Gerichtsbeamtin kennengelernt oder vielmehr gefunden hatte, blieb ein Rätsel. Wie er sie dazu bringen konnte, ihn zu heiraten und ihm so den legalen Weg in ihr sozial sicheres Heimatland zu ebnen, ein weitaus größeres. Die ersten Monate in Österreich, in nahezu endloser Distanz zu seinen einstigen Schergen, genoss er lustvoll auf Kosten seiner passabel verdienenden Gattin zwischen deren abbezahlter Eigentumswohnung und diversen Wettbüros. Bis der Weg zu Helgas Ersparnissen geebnet war, um einen Handel mit Steinfiguren für den Außenbereich zu eröffnen. Die Aushändigung des Gewerbescheins ließ ihn vom Spieler und Tagedieb zum Geschäftsmann mutieren. Wie den Frosch zum Prinzen, den Helga schon bald bereute, nicht an die Wand geschlagen zu haben. Nach knapp einem Jahr lag nicht nur die Ehe in Brüchen, sondern auch der Kopf der gutherzigen, aber leider weltfremden Ehefrau. Über den Körper verstreute hässliche Narben zeugten zusammen mit einem Schädelbasisbruch vom beziehungstechnischen Drama dieser Ehe. Auch das Handelsgewerbe erlitt Schiffbruch dank eines Lebensstils, als hätte er ein weltweites Monopol auf sämtlichen verfügbaren Erzeugnissen aus Stein. Über seine allseits bekannte Pleite schwieg er konsequent. Niemand wagte es, ihn darauf anzusprechen und so einen lautstarken Monolog zu provozieren, der fraglos in einem Wutanfall endete.

   Wenn Lena – wie jetzt – unter Psychostress stand, wirkte ihr Gang plumper als sonst. Optisch unterstützt von ihren flachen, schwarzen Markenschuhen. Klassisch und unauffällig, mit dem Sexappeal einer Nonne. Während sie die Bar entlang trampelte, schien sie Selbstgespräche zu führen. Stumm. Mit groteskem, sich ständig änderndem Mienenspiel. Begleitet von permanentem Blinzeln. Das war ihre Art, sich zu beherrschen. Wahrscheinlich kochte sie innerlich, hätte Milan am liebsten ihre schon viel zu lange verhaltene Meinung ins Gesicht gekotzt. Vielleicht aber auch nicht. Niemand wusste das. Genauso wie sich wohl niemand ihr Leben außerhalb des Allegria vorstellen konnte. Keine Menschenseele hatte wohl je die winzige Wohnung in der Nähe des Flughafens betreten, die sie mit ihrem Bruder teilte. Verhaltensoriginell, oder geistig zurückgeblieben. Darüber schieden sich die Geister.  Bis auf zwei oder drei Prostituierte im obersten Stock zählte der Großteil der Bewohner des schäbigen Blocks aus den Siebzigerjahren nicht mehr zu den Jüngsten. Verständlich, dass sie sich lieber mit dem Verlauf der eigenen letzten Lebensjahre beschäftigten als jenem ihnen fremder Mitbewohner. Die kargen Informationen über Lenas weit kargeres Privatleben kamen vom Briefträger, der mit einem der afghanischen Handwerker verschwägert und zum Glück der Interessierten recht redselig war. Lenas Bruder bezeichnete er schlichtweg als Irren.

   Kevin wünschte sich, wie üblich, ein Loch im Boden, um für immer darin zu verschwinden. Nachdem er den dunkelbraunen Fliesenboden hinter dem Tresen mit gesenkten Augen erfolglos danach abgekämmt hatte, suchte er Mias Blickkontakt. Wie froh er war, dass sie auch in diesem Psychoschuppen arbeitete. Eine drastischere Bezeichnung für das Allegria fiel ihm nicht ein. Mit ihr fühlten sich die Arbeitstage kürzer an. Vor allem jene raren, an denen er mit ihr allein über die Mittagszeit arbeitete, während Lena ihre spärliche Freizeit genoss und Milan seinen fragwürdigen Terminen nachging. Offiziell erledigte er Einkäufe für das Restaurant. Seine Angestellten genossen derweil die heiteren Momente im mitttäglichen Trubel. Beim Blick in Mias braune Augen löste sich ein Lächeln aus Kevins Anspannung. Ihre Gedanken schienen sich vor ihm auszubreiten: Weißt du, wohin ich abhaue, wenn ich diesen Diktator endgültig satthabe? Nach Tadschikistan. Das perfekteste aller Länder. 70 Prozent der Menschen wissen nicht wo es liegt, und die anderen haben keine Ahnung wie man hinkommt. Die Sprache ist unmöglich zu lernen, und zwischen den Schafen auf den saftigen Weiden und den Menschen, mit denen ich nie reden muss, werde ich glücklich.

   Kevin erinnerte sich, dass Mia bei dieser Bekundung nicht lachte. Zwar gehörte er ebenfalls zu besagten 70 Prozent, aber noch schlimmer war, dass ihm die Klarheit fehlte, was er für sie empfand. Er wusste nur, dass er sie finden würde, falls sie irgendwann nicht mehr da sein sollte. Selbst mit der Gewissheit, dass seine Mutter kein Verständnis für Abenteuer dieser Art aufbringen und ihre Drohung wahrmachen würde, sein Zimmer mit Blick auf den Hinterhof an eine Studentin zu vermieten. Eine, die ihr Engagement im Haushalt zu schätzen wusste.

   „Sollen diese zwei Perverslinge doch ihre Triebhaftigkeit ausleben, wo sie wollen!“, polterte Milan und stapfte hinter die Bar.

   Sein von Abscheu geprägter Gesichtsausdruck war für Mia immer der beste Beweis für seine unbefriedigende Lebensweise. Sie nahm einen tiefen Atemzug. Eine Mischung von Kaffee, den Kevin gerade für Tisch fünf braute, und Lenas ordinärem Parfum kroch in ihre Nase. Mit hochgezogenen Augenbrauen warf sie ihrem Arbeitskollegen einen flüchtigen Blick zu und machte sich daran, die Gäste nach dem Zwischenfall zu betreuen. Die beiden deutschen Touristen von Tisch zwölf bestellten Spaghetti Carbonara. „Sehr gern“, nahm Mia die Bestellung entgegen, empfand aber tiefes Mitleid, als sie den teuer erstandenen Teller mit Nudeln servierte. Gekocht von einem österreichischen Küchenchef unter Milans Anweisung mit viel Zwiebel, billigstem Bratensoßenpulver in der Sahne und qualitativ wertlosem Pressschinken. Der gelegentlich schimmlige Rand natürlich abgeschnitten. Mia hatte sich an den Umstand gewöhnt, viele Gäste nie wiederzusehen. Sechs Monate war es her, dass Ferenc, der ungarische Koch, eines Abends verschwunden und, wie vom Erdboden verschluckt, nie wieder aufgetaucht war. Dass sein blaues Auge am letzten Arbeitstag nicht von einem heruntergefallenen Kochtopf stammte, konnte sich jeder ausrechnen. Aber niemand wollte es in Milans Präsenz zur Sprache bringen. Auch nicht Ferenc‘ Hinken am Tag zuvor und die unzähligen blauen Flecken an den Armen des klapperdürren, kleinen Mannes.

   Als Kevin Mias Weg kreuzte, hätte sie gern ihre Finger durch die blonden, stets akkurat gestutzten Haare gleiten lassen. Aber sie unterließ es. Wie immer. Schon Milans wegen, der seine Angestellten am monströsen Bildschirm im Büro neben dem Getränkelager im Untergeschoss observierte. Beim Gang über die Treppe nach unten drehte er sich kurz um und grinste sie an. Fies. Mit der unmissverständlichen Botschaft, dass ihm das Verbot, Mitarbeiter mittels Kamera zu überwachen, nicht nur egal war, sondern er diese Aufzeichnungen sogar speichern würde. Das österreichische Recht war für ihn eine Lachnummer. Jeder Verstoß gegen das Gesetz, der bis dato aus unerfindlichen Gründen vor Gericht zu seinen Gunsten entschieden wurde, bestärkte sein verwerfliches Denken und Handeln.

   14:30. Ihre letzte halbe Arbeitsstunde für heute hatte begonnen. Inständig hoffte sie, dass die Gäste bis Dienstschluss weder homosexuell noch behindert oder anderweitig abartig in Milans Augen waren. Die peinlich kleinen Portionen minderwertigen Essens servierte sie professionell lächelnd und hin und wieder mit einem lustigen Spruch. In der Hoffnung, den Gästen das Gefühl zu geben, die Speisen wären mit Liebe, anstatt von einem unterbezahlten, und zu nicht abgegoltenen Überstunden genötigten Koch zubereitet. Der glänzende Zeiger auf der geschmacklosen Edelstahluhr an der ockerfarbenen Wand über der Kaffeemaschine war endlich auf zwölf gesprungen und zeigte mit seinem kürzeren, schwarzen Pendant auf drei. Zeit, ihre Schürze zusammengelegt im Schränkchen neben der Schankanlage zu verstauen.

   Lena hantierte konzentriert mit Zahlungsbelegen. Bereit, sie Milan zur Kontrolle vorzulegen. Dies dauerte meist etwas über eine Stunde, in der niemand wagte, die beiden zu stören. Vor allem seit jenem Tag, als sich ein Gast massiv über das Essen beschwerte und Lena gerufen werden musste. Eigentlich hätte sie oder Milan den Vorfall am Kamera-Monitor sehen müssen. Eigentlich. Nach dem geschätzten achten Klingeln des Telefons war Lena mit zerzausten Haaren und irritiertem Gesichtsausdruck die Treppe hoch gestapft. Ein gelegentliches Schäferstündchen mit einem röchelnden Despoten als Highlight in Lenas bedauerlichem Leben empfand wohl jeder Beteiligte an dieser Szene als unsäglich traurig. Außer Mariella, die allem Anschein nach von derartigen Eskapaden ihres Freundes und Gebieters keine Ahnung hatte.

   „Ciao, Lena!“, sagte Mia höflich, aber doch so emotionslos wie möglich und machte einen Schritt in die winzige Küche, um Peter noch einen schönen Tag zu wünschen. Täglich fragte sie sich, ob der Koch darin einen gutgemeinten Wunsch oder blanken Sarkasmus hörte. Sieben Tage in der Woche von zehn Uhr morgens bis zehn Uhr abends im Dienst. Ohne Möglichkeit, sein erlerntes, jahrelang trainiertes fachmännisches Können auszuleben. Vom leidenschaftlichen Koch zu Milans Lehrling. Schutzlos seinen Launen ausgesetzt, jeder Handgriff diktiert. Und das alles für weit geringeren Lohn, als ihm für die geleisteten Arbeitsstunden zustand. Peter war das beste Beispiel, dass alt werden nichts war, worauf man sich freuen konnte. Das abgerungene Lächeln mit Dank für die guten Worte landete auf Mia wie eine Messerklinge, bevor er sich wieder daranmachte, die schmutzigen Töpfe und Pfannen zu schrubben. Blieb nur zu hoffen, dass ihm nicht wie seinem geknechteten Vorgänger auch eines der großen Stahlbehältnisse auf den Kopf oder gar ins Gesicht fiel.

   „Bis morgen, und viel Spaß noch!“, rief sie Kevin, der gerade neu angekommene Gäste bediente, mit verhaltener Stimme und einem Zwinkern zu. Ohne seine Antwort abzuwarten, verschwand sie.

   Wie froh sie war, diesen geruchsintensiven Wirrwarr aus Fett und aufgewärmtem Mikrowellen-Fraß, durchzogen vom Aroma frisch gebrauten, seichten Kaffees, dem Schweiß der Gäste und deren teils schweren, teils billigen penetranten Parfüms für diesen Tag los zu sein. Der drückende Rauch des Raucherbereichs hatte sich in ihre Kleidung gefressen und begleitete sie. Wie am Ende jedes Arbeitstags ließ sie symbolisch alle Ereignisse hinter der Türschwelle des Lokals. Meist erfolgreich. Dieses Ritual war eine der wenigen Gewohnheiten, die sie von ihrer Mutter übernommen hatte.

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Die Handlung und alle handelnden Personen sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder realen Personen wäre rein zufällig.

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