WIRF DEIN HERZ
IN DEN FLUSS
Roman
(Leseprobe)
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DER AMERIKANISCHE TRAUM
Piep. Piep. Piep.
Vor ihr die Klippe. Den steinigen Boden verdunkelnd überragend. Bedeckt von schon so oft gefühltem lähmend kaltem Schlamm, den die konturlosen Schatten der unendlichen Tiefe verschluckten. Hinter ihr surrte das kriegerisch geschwungene Schwert. Mit jedem Schritt, den der Samurai näherkam, manifestierte sich ihre Angst in beißendem Zischen, das sich von ihren Ohren ausbreitete, und den Schmerz in den angespannten Muskeln im hundertstel Sekundentakt verstärkte. Irgendwann dazwischen, just, als sie bereit war, zum Sprung in den grausigen Tod anzusetzen, dieses aufdringliche, wenn auch auf gewisse Weise erlösende Piep. Piep. Piep. Das sich immer weiter aufschaukelnde, bis zu einem markdurchdringenden Piiiiiieeeeep löste das Surren in den Ohren ab und erlaubte einem Teil der Muskeln, sich zu entspannen.
Gerädert, nach Luft schnappend, schlug Caro mit der Hand auf den Wecker, um sich im nächsten Moment das Kissen auf das Gesicht zu drücken. Sie wollte schreien, weinen, schaffte allerdings weder eine Erhebung ihrer Stimme, noch eine Träne. Wütend über sich warf sie das Kissen von sich und atmete tief durch. Wieder und wieder. Bis sie fähig war, aus dem Bett zu steigen. Ein kurzer, verstohlener Blick in den Badezimmerspiegel ließ keinen Zweifel an den Torturen der vergangenen Nacht.
„Samurai!“, schalt sie sich kopfschüttelnd. Die rechte Hand in die Haare vergraben, als wollte sie sich daran festhalten und hochziehen. Tief seufzend, den Kopf immer weiter schüttelnd, als trüge sie Verantwortung für die Figuren in ihren Albträumen. 'Der Samurai war langsamer als Dschingis Khan, dessen Schwert vor dem endlosen Sprung durch scharfe Klippen mit einem Schlag meine Haare abgetrennt hat', analysierte sie stirnrunzelnd mit sich selbst. Ihr Gesicht verzog sich schmerzhaft bei dem Gedanken an den oftmals erlebten Aufprall. Spitze Steine bohrten sich in jede Faser ihres Körpers und ließen sie ohnmächtig im Schlamm ertrinken. War die Verlangsamung des Verfolgers ein gutes Zeichen? Oder war sie dabei den Verstand zu verlieren?
Diese an der Grenze der Erträglichkeit angesiedelten Träume raubten ihr mehr Energie, als ihre von Verantwortung und Stress geprägte Arbeit. Welcher Tag war heute? Freitag? Auf dem Weg ins Bad schienen sich Caros Gedanken wieder zu ordnen und am Waschbecken angekommen meldete der innere Kalender: Samstag. Endlich Wochenende! 'Endlich Wochenende' klang wie eine Zeit, in der sie Bücher über römische, griechische, keltische, hethitische, über die ganze Welt verstreute Ausgrabungsstätten wälzte. Vielleicht auch mit Freundinnen shoppen, und danach in einer Bar versumpfen, oder mit ihrer Sportclique irgendwohin zum Schifahren.
In Wahrheit hatten ihre Freundinnen einen passenden Lebenspartner gefunden und ihre Freizeitalternativen sich gemeinsam mit dem Traum, in antiken Ruinen auf den Spuren vergangener Kulturen zu wandeln, aufgelöst. Im Gegenzug hatte sich das Arbeitspensum potenziert. Ehrgeiz versus Spaß, Pflicht versus Freizeit, Gehaltserhöhung versus Freundeskreis. Die Wurzel aus diesen Hochpotenzen hieß Karriere. Stetig, Stufe um Stufe erklommen. Der Preis war lediglich ein weiterer belangloser Zeitverlust. Von der 40 Stunden-Woche zur 45 Stunden-Woche, und nun verbrachte sie eben 50 Stunden im Büro. Zeit, die sie sonst an sich selbst vergeudet hätte. Bitter lächelnd, durch ihre zerzausten, tief in den Rücken fallenden blonden Haare wuschelnd, beschloss sie, genau gar nichts an diesem Wochenende zu unternehmen. Ohne einen weiteren Blick in den Spiegel zu werfen, stellte sie sich unter die Dusche und entstieg dieser erst, nachdem der letzte Rest des Albtraums durch den Gully geflossen war.
Zwei verpasste Anrufe. Paula und Mama. Die Haarbürste wie eine Waffe in der rechten Hand, nahm Caro genervt das Telefon in die linke und rief ihre Chefin zurück. „Ich kann heute nicht kommen.“
„Aber ...“
„Paula! Ich habe auch eine Mutter, die ich ab und zu gerne sehen möchte. Und, so unglaublich es sich anhören mag, sie mich auch. Bevor du wieder mit Sonntag anfängst, vergiss es. Mal abgesehen von meiner Mutter, muss auch ich Einkäufe erledigen.“
„Komm schon, Caro ...“
„Wir sehen uns am Montag.“ Caro war über ihre eigene harte Linie erstaunt. Aber nach einer 55 Stunden Woche hatte auch die pflichtbewussteste aller Büroleiterinnen ihre persönliche Grenze erreicht.
Der Gedanke, ihre Mutter zurückzurufen, manifestierte sich als Magenkrampf. Ob Grüntee die passende Medizin für dieses unbehagliche Gefühl war oder nicht, sie entschied sich für die größte Tasse im Küchenschrank.
Mit dem frisch aufgebrühten duftenden Tee in der Hand ließ sie sich bedächtig auf den weißen Schwingsessel vor dem gedrungenen Holztisch in ihrer modernen Zweizimmerwohnung gleiten. Unbeabsichtigt und ungewollt fiel ihr Blick erneut auf den Briefumschlag mit der exotisch anmutenden Briefmarke. Ein neuerlicher Kontrollblick auf das Handy. Kein entgangener weiterer Anruf ihrer Mutter. Zum Glück. Wie in Trance nahm sie die drei sorgfältig zusammengefalteten linierten Papierbögen aus dem Umschlag und begann erneut, Tante Gretes Brief zu lesen. Jenes Dokument, welches das Bild ihres bisherigen Lebens neu rahmte. Bis das Bild, nach jahrzehntelanger Kleinstarbeit von Mama, Oma und Caro selbst gefertigt, aus dem dicken Holzrahmen stürzte und ungerahmt in eine Kiste plumpste. Jenes Dokument, das aus Tante Grete 'Grete, die Geächtete' machte. Die so lange ein Familienmitglied war, in den Köpfen der Dagebliebenen allerdings ein totes Familienmitglied, so lange sie dortblieb, wo sie hingehörte: im Ausland. Egal, ob am Nordpol, Südpol oder an irgendeinem Ort dazwischen. Hauptsache, weit weg von denen, die sie schmerzlich betrogen hatte. Unwiederbringlich. Unverzeihlich.
In Zeiten, in denen jeder per E-Mail bestellte, reklamierte, seine Liebe bekundete, diese Liebe kurz und schmerzlos, noch dazu kostenfrei beendete und entgegen jeder einstigen Etikette zum Ableben der Allerliebsten kondolierte, schrieb Tante Grete einen Brief. Auf feinstem, blütenweißem Briefpapier mit Wasserdruck. Apart, mit schwarzer Tinte. Und das nach ihrem Ableben. In einer Handschrift, die von alter Schule zeugte. Von Lehrern, die keine windschiefen, ungleichen, dicken, unleserlichen oder andersartig unansehnlichen Buchstaben duldeten. Weil sie das Maß an sich nahmen, ihren ebenso gnadenlos disziplinarischen wie pflichtbewussten Lehrern und ihrem auferlegten Lehrauftrag. Auch wenn der schulische Drill in jedem Buchstaben zu spüren war, hegte Caro tiefe Bewunderung für diese exakte formschöne Handschrift. Und auf enigmatische Weise auch für jene, die fähig waren, ihre hart antrainierte Autorität zu zeigen. Die sich darum sorgten, dass ihre Schützlinge ein Leben lang für den Stil, ihre persönliche Note, ihre Gedanken kultiviert säuberlich und akkurat zu Papier zu bringen, bewundert wurden. Was sich konträr dazu von dieser makellosen Handschrift abhob, war das Datum. Allem Anschein nach und dem Inhalt zufolge verständlich, nachträglich hinzugefügt. Von jemandem, der ebenfalls eine harte Schule mit gewissenhaften Lehrern hinter sich zu haben schien. Von jemandem, der vermutlich seinen Namen nicht tanzen konnte, aber auch keinen Wert darauf legte. Von jemandem, der, gleich der Verfasserin des Textes, Autorität erfahren hatte. Den weicheren Linien nach zu urteilen in einer anderen, späteren Zeit.
Tante Grete nannte sie nicht Caro, wie sie mit dem Einverständnis ihrer Mutter und dem verständnislosen Kopfschütteln ihrer Oma ihren Namen, seit ihrer Schulzeit, abkürzte. Sie sprach die Nichte mit 'Karolina' an. Caro mochte ihren unüblichen Namen nicht sonderlich, weil er einfach zu erklärungsbedürftig war. 'Caro' konnte sich jeder als Abkürzung von 'Carolyne', oder auch 'Caroline' vorstellen. 'Karo' nicht. Ihre Großmutter sah diese jämmerliche Lüge als »Verleugnung ihrer Ahnen«. Mama sagte nichts. Heimlich abgewandt vom gebieterischen Blick ihrer Mutter, lächelte sie ihre Tochter zärtlich besorgt an. Hätte sie, die Mutter, über den Namen ihres Kindes bestimmen dürfen, würde sie heute Lisa-Marie heißen. Nach Elvis Presleys Tochter. Nicht wesentlich vorteilhafter, doch weniger erklärungsbedürftig. Dessen ungeachtet hatte Oma befohlen, Karolina Dabrowski gebührliche Ehre zu erweisen. Jener Großtante, die sich dafür entschieden hatte, in einem Konvent, wie Oma das straff geführte Kloster in der polnischen Einöde beschrieb, ihr Leben zu fristen und damit maßgebend zum Seelenheil der Familie beizutragen,
1885 verwandelten die polnischen Einwanderer Oliwia und Nikodem Dabrowski ihre namentliche Altlast kurzerhand in 'Dabour'. Ein Name, der zu ihrer neu gewählten Heimat Frankreich passte. Die im Zweijahresabstand geborenen Kinder sollten von Anfang an ein Teil des neuen Lebens im verhältnismäßig glamourösen Westen sein. Francine Dabour klang reinrassig französisch, ohne verräterisches polnisches Stigma. Wie ihre Geschwister Marléne, Maurice und Jaques. Dennoch wurde bei den Dabours, die sich regelmäßig zum gemeinsamen Essen, oder vielmehr zur zwanglosen Völlerei trafen, neben Französisch auch Polnisch gesprochen. Und neben Quiche und Crêpes kamen Bigos und Barszcz auf den Tisch. Für Caro klang Dabrowski gleichermaßen abstrakt wie Dabour. Nicht zu ihrem Leben gehörend. Wie das Essen. Mit den unzähligen Arten von fetttriefenden Quiches, großzügig gezuckert, salzig oder einer Mischung aus beidem, konnte sie sich einigermaßen anfreunden. Alle weiteren kulinarischen Auswüchse, egal ob französisch oder polnisch angehaucht, ermutigten sie oft tagelang zur Essensverweigerung. Die Österreichische, im Besonderen die Tiroler Küche, empfand Oma als 'brachial, in Ermangelung jeglicher Raffinesse'. Wie die Gärten der Dorfbewohner. 'Ohne Farbe, ohne Duft, ohne Charme. Eben Gärten von Bauern', war Francine Hagers Fazit. Die verbale Entstellung durch einen ebenso brachialen Namen war ein Affront des Schicksals.
Großmutters Garten wirkte wie eine Mini-Provence. Obwohl sie im Norden Frankreichs geboren und aufgewachsen war. Reihenweise Lavendel neben dem französisch geprägten Kräuterbeet. Lilien, Iris, eine weiße Magnolie, großräumige Holztröge mit Bougainvilleas und Oleander, die im späten Frühling nach draußen und vor den frostigen Herbstnächten in den Keller geschleppt wurden. Von Opa. Bis zu seinem tödlichen Unfall bei der Holzarbeit. In der Blüte des Lebens. Und danach von seiner daheim gebliebenen, gehorsamen Tochter.
'Bei uns in Frankreich', war die Standardeinleitung, mit der Oma ihre französisch akzentuierten Sätze begann. Sogar nach nahezu fünfzig Jahren in Tirol, ihrer aus freien Stücken gewählten Heimat. Arnold Hager schwieg zu diesem Thema genauso, wie seine jüngere Tochter Mathilde in späteren Jahren. Seinen Kindern den französischen Anstrich in den Namen zu nehmen, indem er Mathilde zu 'Tilda' und Margarethe zu 'Grete' abkürzte, war mit wenigen Ausnahmen die einzige Auflehnung seiner Frau gegenüber. Aber diesen Widerstand leistete er mit Leidenschaft. 'Franzi' nannte er seine Gattin ausschließlich beim sonntäglichen Stammtisch. Mit mehr als 500 Meter Sicherheitsabstand zur heimischen Haustür und dem dahinter liegenden Drill. Für Opa der einzige Grund, sich in die Kirche zu quälen.
Entgegen seinem Wunsch, wenigstens eine Tochter nach seiner geliebten Mutter zu benennen, hatte Francine bestimmt, ihren Kindern französische Namen zu geben. Marguerite konnte Arnold Hager seiner Frau zum Glück ausreden. Mit dem simplen Argument, dass Marguerite Hager schlichtweg bescheuert klingt. Bei Mathilde hingegen hatte er keine Chance. Als sich herausstellte, dass Mathilde kein französischer, sondern ein althochdeutscher Name war und zu allem Überfluss 'die mächtige Kämpferin' bedeutete, ignorierte Francine Hager diesen Umstand. Erhobenen Hauptes sprach sie weiterhin das 'e' am Ende nicht aus und würgte jede weitere Diskussion mit einem wütenden »C‘est faux!« ab. Demokratie fand außerhalb des Hager’schen Heims statt. Caro fragte sich, ob ihr Großvater all die Lügen in ihrem Leben zugelassen hätte. Vermutlich nicht. Denn im Gegensatz zu seiner Gattin blieb sein Bild noch lange nach seinem Tod an der Wand hängen. Wenn auch nicht am selben Platz wie 25 Jahre zuvor. Hing sein Foto in der schmucken Uniform einst links vom Kreuz in der Küche, hatte er nun die Wand für sich, zusammen mit einem Kinderbild seiner Enkelin. Das Holzkreuz mit den eingeklemmten vertrockneten Olivenzweigen opferte Mathilde unmittelbar nach dem Begräbnis ihrer Mutter den Flammen des Kachelofens in der Stube. Die Erinnerungen an diesen stattlichen Mann mit Gardemaß waren dürftig. Genau gesagt, erinnerte sie sich nur an das tiefe Lachen ihres Großvaters und seine raue, herzliche Art. Tief seufzend nahm sie einen Schluck des Kräutertees, drückte dabei den Teebeutel mit dem Löffel an den Tassenrand, und begann zu lesen:
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